Psychotherapie

 

Psychotherapie ist  -  neben anderen Möglichkeiten der persönlichen Unterstützung in Krisen wie z.B. dem Gespräch mit einem Familien-mitglied oder einer guten Freundin  -  eine speziell konzipierte Form der Hilfestellung bei seelischen und körperlichen Beschwerden. Sie folgt einem strukturierten Vorgehen, das aus einem wissenschaft-lichem Therapieverfahren abgeleitet wird.

Insgesamt sind die psychotherapeutischen Behandlungsangebote in den letzten Jahrzehnten wesentlich vielfältiger geworden. Parallel dazu nähern sich die einzelnen Therapieschulen in etlichen Bereichen einander an und stehen in einem fruchtbaren wechselseitigen Austausch.

 

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hat sich aus der Linie der "psychodynamischen" Therapieverfahren entwickelt, deren bekannteste Vertreterin die Psychoanalyse (Sigmund Freud) ist. Tiefenpsychologisch fundierte Therapie wird deswegen noch öfters so verstanden, daß die Beschäftigung  mit der eigenen Kindheit im Fokus der Therapiestunden steht. Die Beschäftigung mit der eigenen Kindheit und der weiteren persönlichen Lebensentwicklung  ist zwar ein wichtiger Baustein, um sich selbst sowie die eigenen  Beziehungserfahrungen und Lebensmuster besser verstehen zu können. Allerdings ist durch eine "Aufarbeitung der eigenen Kindheit" in der Regel keine grundlegende Verbesserung zu erreichen. Dazu bedarf es weiterer Schritte, aber dazu später.

Grundsätzlich geht die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie von der Problemkonstellation aus, die Sie als Klientin/Klient aktuell belastet. Das können berufliche oder familiäre Konflikte sein, Verluste und Trennungen, Gewalterlebnisse oder auch körperliche und seelische Beschwerden, für die Sie vorerst keine Ursache erkennen können. Ziel der Therapie ist Sie darin zu unterstützen, für Ihre Zukunft günstige Veränderungen zu bewirken.

 

In wenigen Sätzen ist leider keine ausreichende Beschreibung eines "typischen" Therapieverlaufs möglich. Einerseits erfordern die verschiedenen Beschwerdebilder (z.B. Panikstörung, Depression, Trauma-folgestörung) eine jeweils modifizierte Herangehensweise. Zum anderen unterscheiden sich Menschen, die in Psychotherapie kommen, natürlich hinsichtlich ihrer persönlichen Voraussetzungen oder Ziele. Selbst bei gleichem Beschwerdebild nimmt deswegen eine Psychotherapie bei  jedem Menschen einen individuellen Verlauf. Dennoch möchte ich versuchen, Ihnen eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln, wie bei mir eine Psychotherapie ablaufen könnte.

 

Ich biete Einzeltherapie an (auf Wunsch können zu einigen Sitzungen auch Angehörige eingeladen werden).

 

 

Beginn der Psychotherapie

In den ersten Stunden der Therapie, den "probatorischen Sitzungen" (Probesitzungen) werde ich eine ausführliche Anamnese mit Ihnen durchführen. Ich werde Fragen zu Ihrer persönlichen Entwicklung, Ihrer Familie, Ihrem sozialem Umfeld sowie Ihrer beruflichen Situation stellen und mich für die Entwicklung Ihrer Symptomatik interessieren.  Ich  benötige  diese lebensgeschichtlichen Infomationen, um Sie besser kennenzulernen und so mit Ihnen gemeinsam die Therapie angemessen planen zu können. Wir besprechen auch, welche Erwartungen Sie haben, welche Ziele Sie anstreben und welche persönlichen Veränderungen Sie in der Therapie erreichen möchten. Wir überlegen, inwieweit diese Zielsetzungen realistisch sind und innerhalb Ihrer eigenen Veränderungsmöglichkeiten liegen. Dieser Schritt soll möglichen Enttäuschungen vorbeugen. Denn eine Behandlung kann nur dann erfolgreich verlaufen, wenn Sie diese aktiv mitgestalten  und  sich  selbst  als  mitverantwortlich  für  die gewünschten Veränderungen begreifen. Eine Psychotherapie ist nicht immer nur angenehm. Sie kann auch Phasen beinhalten, die als recht anstrengend erlebt werden. Viele Menschen bemerken, daß es oft schwieriger ist als sie anfangs gedacht haben, etwas an ihren Einstellungen, Überzeugungen, Gefühlen und Verhalten zu verändern. Eine Psychotherapie hat aber genau das zum Ziel. Deshalb ist es wichtig, daß sie selbst davon überzeugt sind, daß diese Behandlung für Sie notwendig und sinnvoll ist. Dies können Sie in den probatorischen Sitzungen überprüfen.



Neben Ihren Belastungen und Beschwerden interessiere ich mich auch für Ihre Stärken, Fähigkeiten und bisherigen Erfolge. Typischerweise finden Menschen in seelischen Problemlagen keinen Zugang mehr zu ihren Potentialen und Fähigkeiten. Sie erinnern sich nicht daran, was sie alles auch schon gemeistert haben. Sie sind verstrickt in negative Sicht- und Erlebensweisen und lassen vorhandene persönliche Stärken und Bewältigungsmöglichkeiten ungenutzt. Diese gilt es jetzt wieder zu entdecken und für die anstehenden Veränderungen zu aktivieren.

 

Am Abschluss dieser Eingangsphase der Therapie bespreche ich mit Ihnen meine Einschätzung zu Diagnose, voraussichtlicher Therapie- dauer, Behandlungszielen und geplantem therapeutischen Vorgehen oder auch möglichen Behandlungsalternativen. Wenn auch von Ihrer Seite diese Fragen geklärt und Sie mit dem vorgeschlagenem Vor- gehen einverstanden sind, können wir die Psychotherapie beim Kostenträger beantragen.   

 

 

Mittlere Phase der Therapie

Im weiteren Verlauf der Therapie werden wir Ihre Beschwerden genau besprechen und daran arbeiten, daß Sie diese reduzieren oder sogar vollständig auflösen können.

Wir arbeiten uns dabei vom "Offensichtlichen" und Aktuellem vor zum "Tieferliegendem" - damit  sind  unbewußte  Konflikte  und  die individuellen  "Kernthemen" gemeint.

Manchmal sind die Therapieziele aber auch darauf begrenzt zu lernen, wie man unveränderliche Lebenssituationen (z.B. den Tod nahestehender Menschen, chronische Krankheiten) annehmen und besser bewältigen kann. 

 

Ich werde Sie immer wieder einladen, sich Ihrer eigenen Lebens- geschichte zuzuwenden, Ihre Entwicklung von der Kindheit bis heute mit den wichtigen Erlebnissen und Erfahrungen zu betrachten. Die Erforschung der Lebensgeschichte beinhaltet auch,  die sozialen,  wirtschaftlichen  und zeitgeschichtlichen Kontextbedingungen, unter denen Sie und Ihre wichtigsten Bezugspersonen aufgewachsen sind, zu reflektieren. Aufschlussreich für das Verständnis der eigenen Entwicklung ist oftmals auch der Blick auf das größere Familiensystem (mindestens zwei Generationen zurück, also Groß-eltern, Eltern und andere   Angehörige)   sowie   deren  persönliche  Erfahrungen  im jeweiligen historischen Kontext: Wie haben deren Erlebnisse und Schicksale den Rahmen geprägt, innerhalb dessen man selbst aufgewachsen und erzogen worden ist? Denn frühere problematische Beziehungserfahrungen, belastende Erlebnisse und daraus resultierende innere Konflikte prägen und steuern oft noch heutiges Erleben und Verhalten. Meist sind den Betreffenden diese Erfahrungen und Konflikte nicht mehr (wirklich) bewußt. Ebenso erkennen sie keinen Zusammenhang mit ihrer heutigen Problemlage. Sie haben die Not von damals verdrängt, weil sie nicht zu bewältigen, zu schmerzhaft oder zu belastend war. Das diente (damals) ihrem Schutz. Die aktuellen Beschwerden und Krankheitssymptome zeigen jedoch, daß diese Bewältigungsstrategie heute die persönliche Entwicklung und Gesundung eher blockiert.

In der Therapie werden Sie deshalb angeleitet, sich diesen früheren Erfahrungen und ihren aktuell wirksamen Auswirkungen wieder zuzuwenden: behutsam, gut vorbereitet und stabilisiert, in ihrem eigenen Tempo und in der Sicherheit der therapeutischen Begleitung. Sie  lernen,  Ihre  eigenen  inneren  Prozesse  ebenso  achtsam wahrzunehmen und zu reflektieren wie Ihre Interaktionen mit anderen Menschen. In  diesem  Zusammenhang  können  wir beide unsere  Aufmerksamkeit auch darauf richten, wie wir uns im aktuellen Therapiegespräch erleben, welche Gedanken und Empfindungen auftauchen. Frühere Beziehungserfahrungen (z.B. "ich muß es jedem Recht machen, damit ich beachtet und geliebt werde") aktualisieren Menschen (meist unbewußt) nicht  nur  in  Liebesbeziehungen,  bei Freunden oder in  beruflichen Kontakten. Sie können auch im Kontakt  zum  Therapeuten auftauchen. Sie  werden ins  "Hier und Jetzt"  der therapeutischen Situation und auf die Person  des  Therapeuten  "übertragen".  Die  Entdeckung  und systematische  Beachtung  dieser  allgemein  menschlichen  Interaktionsdynamik  ist  ein  zentrales Kennzeichen der tiefenpsychologischen Psychotherapie und verleiht  ihr eine  besondere Wirksamkeit, denn dieser  Vorgang  bietet  therapeutisch  eine hervorragende Chance: da diese Muster aktuell  auch in den Therapiestunden wieder erfahrbar sind, können sie hier erkannt und sorgfältig reflektiert werden.  Auf diese Weise wird es Ihnen möglich sich allmählich aus "alten" Mustern des Erlebens und Verhaltens zu lösen und eine neue Haltung entwickeln, die Ihrer gegenwärtigen Lebensrealität angemessener ist.

 

Persönliche Veränderung braucht Zeit. Und sie vollzieht sich meist nicht geradlinig, sondern eher spiralförmig nach oben, manchmal zwei Schritte vor, dann wieder einen zurück. Das ist ganz normal. "Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht." Geduld mit sich selbst, wiederholte Übung und der Mut, Neues auszuprobieren und auszuwerten, führt weiter.

 

 

Therapeutische Methoden

"Nur reden" soll helfen?   In der Therapie werden wir uns vorrangig im Gespräch   und  im  verbalen Dialog miteinander austauschen. Sie werden  ermuntert  und  angeleitet, Ihre  Erfahrungen  und  inneren Prozesse zu "versprachlichen", um sie sich bewußt  machen, besser verstehen und zieldienlich beeinflussen zu können.     

Sie werden aber auch eingeladen, auf körperliche Veränderungen beim Erzählen oder Erinnern zu achten. So könnten Sie z.B. eine Veränderung  des  Atemrythmus  wahrnehmen  oder  sich einer Empfindung von Enge in der Brust bewußt werden, wenn Sie sich mit einem  bestimmten  Thema  beschäftigen.  Diese sonst unbewußt ablaufenden körperlichen Prozesse vervollständigen Ihre Wahr-nehmung von sich selbst und können Ihnen so wichtige  Hinweise  für die Neuausrichtung liefern.

Des öfteren kann es sinnvoll und unterstützend sein, weitere Zugänge zu sich und dem eigenen Erleben auszuprobieren und zu nutzen: Rollenspiel,  gestalttherapeutische  Dialogarbeit,  szenisches Inszenieren, Familien und andere Systeme grafisch oder über Symbole darstellen und erforschen, Vorstellungsübungen und imaginative Methoden ausprobieren usw..

Hier bieten die verschiedenen Therapieschulen und Methoden ein enorm vielfältiges Angebot, aus dem ich bei Bedarf schöpfen kann, um den Therapieprozess zu optimieren. Natürlich werde ich solche Methoden und Techniken bei Ihnen nur dann einsetzen, wenn Sie nach vorheriger ausführlicher Information dem Vorgehen ausdrücklich zugestimmt haben.

 

Wahrscheinlich werde ich mit Ihnen auch besprechen, welche Möglichkeiten der Entspannung, Zentrierung und Beruhigung sie üblicherweise nutzen. Vielleicht werde ich Ihnen dann ergänzend Entspannungsverfahren oder Stabilisierungsübungen vorstellen. Damit Sie diese Techniken in schwierigen Situationen auch wirklich erfolgreich einsetzen können, ist vorheriges regelmäßiges Training dieser Techniken zuhause notwendig. Sehr förderlich sind auch Übungen zur Achtsamkeitsschulung sowie regelmäßige körperliche oder sportliche Betätigung.

 

 

Abschluß der Psychotherapie

In der letzten Phase der Therapie geht es darum, einerseits Bilanz über den Therapieverlauf zu ziehen und Sie andererseits für die weitere Zukunft vorzubereiten.

Die Fragen, die sich jetzt stellen, sind beispielsweise: was haben Sie in der Therapie erreicht? Wie erleben Sie sich jetzt im Alltag, was hat sich verändert? Welche Bewältigungsmöglichkeiten haben Sie neu erworben und welche neuen Einsichten haben Sie gewonnen?

Der Erfolg einer Therapie kann sich bespielsweise darin zeigen, daß

  • Sie sich am Ende spürbar besser fühlen
  • Sie Ihren belastenden Gefühlen nicht mehr ausgeliefert sind
  • Sie wichtige persönliche Zielsetzungen erreicht haben
  • Sie besser erkennen können, was gerade in Ihnen passiert und Sie die neu erlernten Steuerungs- und Handlungsmöglichkeiten einsetzen können.

Zur Vorbereitung für die Zeit nach Abschluß der Therapie werden wir beispielsweise solche Fragen ausführlicher besprechen: welches sind Ihre Ziele für die weitere Zukunft? Was werden / können Sie tun, um das Erreichte zu bewahren und sich Ihren längerfristigen Zielen weiter anzunähern? Was können Sie tun, falls Beschwerden wieder auftreten oder sich verschärfen sollten? Auf diese Weise sind Sie für Ihren weiteren Lebensweg (wieder ohne therapeutische Begleitung) gut vorbereitet.

Eine Psychotherapie schafft jedoch nicht alle Probleme aus der Welt. Ihr Leben wird auch danach noch Höhen und Tiefen bereithalten. Sie werden dann aber hoffentlich besser damit umgehen können, negative Entwicklungen z.B. früher registrieren und angemessen gegensteuern können.

 

Der Abschluss einer Therapie bedeutet auch immer einen Abschied. Sie werden sich dabei vielleicht an frühere Abschiede oder Trennungen in Ihrem Leben erinnern. Es kann sinnvoll sein, diesem Thema in den letzten Therapiestunden ebenfalls genügend Raum zu geben und sich mit den damit verbundenen Gefühlen und früheren Erlebnissen auseinanderzusetzen.

 

Vorzeitige Beendigung der Psychotherapie

Grundsätzlich können Sie die Therapie zu jeder Zeit beenden. Sie müssen nicht bis zum Ende der genehmigten Sitzungszahl "durchhalten", wenn Sie längere Zeit  unzufrieden sind oder grund-legend am Erfolg der Behandlung zweifeln. In solchen Fällen ist es aber hilfreich, wenn Sie Ihre Einschätzung vor der beabsichtigten Beendigung der Therapie mit mir (dem Behandler) besprechen. Wir können so ggf. unterschiedliche Sichtweisen, Erwartungen oder Mißverständnisse klären. Vielleicht ergeben sich dadurch wichtige Ansatzpunkte und neue Perspektiven für die Fortführung der Therapie. Unabhängig davon wird Ihre jeweilige Entscheidung von professionellen Psychotherapeuten natürlich respektiert.

 

 

Persönliches Resümee

Psychotherapie  verstehe  ich  in  diesem  Sinne  als  eine  auf  Sie bezogene  und  mit  Ihnen  gemeinsam  gestaltete  persönliche Entdeckungs- und Entwicklungsreise. Und  diese  spannende Begleitung  ist  es unter  anderem, die  mich  inspiriert und  mir in meiner Arbeit als Therapeut immer wieder viel Freude bereitet.

 

 

 

Zum Weiterlesen:

"Eltern-Kind-Bindung:   Kindheit bestimmt das Leben."

 

Detailreicher Übersichtsartikel, der aufzeigt, welche Faktoren den Entwicklungsweg  eines  Menschen vom  Kindes-  bis  ins Erwachsenenalter beinflussen.

 

 

In: Deutsches Ärzteblatt 10/2006
s455-1.pdf
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